Breaking Point
[ENTER], [HOME], [CONTROL] und [SPACE] – ein Klick auf einen Befehl in der Tastatur – und maßgebliche Entscheidungen gehen ihren Weg, helfen die Welt zu verändern – oder befüllen sie einfach nur mit weiterem Datenmüll. Die klassischen Computerbefehle sind längst alltägliche Praxis und täuschen uns simple, effiziente Steueroptionen vor, wenn es darum geht, Informationen zu versenden und zu verarbeiten – und Wirklichkeit mitzugestalten, ob nun online oder offline, ob virtuell oder materiell. Denn die fortschreitende Digitalisierung suggeriert uns zunehmend, die heutige Welt wäre einfach und daher per einfachem Tastendruck beherrschbar. In Wahrheit ist aber das Gegenteil der Fall. Jenseits von Tasten, Befehlen und Screens verkompliziert sich die Welt gerade extrem, die Entfremdung zwischen Individuum und ihr nimmt im Zeichen expandierender Krisen und Krisenherde extrem zu. Die daraus entstehende Wirklichkeitserfahrung ist die einer Umbruchsituation, eines Breaking Points und damit das Konzept der kommenden 7. Triennale der Photographie Hamburg 2018, die sich zur Aufgabe gemacht hat, diese durch den Blickwinkel der Fotografie wahrzunehmen und zu reflektieren.
„Radikale Veränderung, Krisen und kritische Momente werden häufig diskutiert. Wir können keine Zeitung aufmachen, keinen Film ansehen oder zur Arbeit gehen, ohne direkt oder indirekt mit diesen Begriffen konfrontiert zu werden. Wir stehen auf globaler Ebene sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen, biologischen, technologischen und demographischen Veränderungen gegenüber, die letztlich unser aller Leben betreffen.“ So schreibt Krzysztof Candrowicz, künstlerischer Leiter der diesjährigen Triennale der Photographie, über sein Konzept. Und weiter: „Unsere Gesellschaften wandeln sich schneller, als wir es begreifen können. Technologie hört nicht auf, unsere Gesellschaften zu verändern. Die sogenannten „Weltkulturen“, getrieben von einem globalen Markt und vermittelt durch die sozialen Medien, sind eine virtuelle kollektive Illusion. Es herrscht ein dringender Bedarf, zu definieren, zu verstehen und diese neue Wirklichkeit zu steuern. Die Geschwindigkeit und das Ausmaß dieser Veränderungen, wie sie von Menschen wahrgenommen werden, sind schlicht überwältigend.“
Rolle und Reaktion der zeitgenössischen Bilderproduktion
Wie aber steht die Fotografie zu dieser Form von verzerrter Lebenswirklichkeit? Wie spiegelt die aktuelle fotografische Bildproduktion die Situation wider, ist sie ihr 1:1 ausgeliefert, blendet sie sie aus oder liefert sie sogar Lösungsansätze? Im pointierten Gebrauch der Computerbefehle, des digitalen Steuerbords als Schalthebel zur Wirklichkeit, setzt das Konzept der diesjährigen Triennale der Photographie an. Sie greift Symbolik und Optik der Tastatur auf – und legt gleichzeitig offen, welche Differenz zwischen den bestehenden Begriffen und Kategorien, auf die Welt zuzugreifen, und den realen Machtverhältnissen liegt – und vor allem welche Rolle dabei die aktuelle Fotografie als Filter und Katalysator spielt. Welche Funktion können Bilder als Auslöser nehmen, wenn sie viral unendlich multipliziert und distribuiert werden können und sich so ins kollektive Bewusstsein einschreiben? Und welche Rolle haben sie noch in Zeiten einer totalen Bilderflut, in dem das einzelne Bild aufgrund der knappen Ökonomien der Aufmerksamkeit diese nicht mehr erhält? „Es gibt vielzählige Möglichkeiten, mit Veränderungen umzugehen. Hinweise, wie diese Veränderungen zu identifizieren sind, können in einem der banalsten, alltäglichen Artefakte gefunden werden – der Computertastatur. Wir benutzen Tasten, um Computer zu bedienen, aber meistens sind wir uns gar nicht bewusst, welche mächtigen Begriffe sich dahinter verstecken. Wir verwenden Tastaturbefehle hunderte Male täglich, ohne über ihre ursprüngliche Bedeutung nachzudenken. Diese Tastaturbefehle werden als Ausstellungstitel dienen und zusammen eine kollektive Geschichte der fotografischen Bildfindung erzählen und dabei zugleich über den Zustand unserer modernen globalen Gesellschaften reflektieren.“ So Krzysztof Candrowicz.
Die Themen der Triennale der Photographie
Wie eine symbolhafte Themen-Matrix ziehen sich die Steuerbegriffe so über das gesamte Ausstellungsprogramm der Triennale, an dem traditionell die großen Orte der Fotografie und Institutionen der Kunst in Hamburg mitwirken – ebenso wie Off Spaces und Galerien. So wird beispielsweise unter dem Stichwort [HOME] die Erfahrung von Heimat und Heimatlosigkeit in unseren heutigen globalen Gesellschaften befragt. Unter dem Begriff [CONTROL] werden in der Hamburger Kunsthalle die politischen Machtverhältnisse reflektiert. Der Umgang mit öffentlichem Raum und der Entwicklung urbaner Konzepte sind das Thema der Ausstellung [SPACE] in den Deichtorhallen Hamburg. Und [SHIFT] im Kunstverein untersucht, wie das Individuum sich den veränderten Gegebenheiten anpasst.
Unter diesen Schlüsselbegriffen bieten die Hamburger Museen mit verschiedenen künstlerischen Konzepten und Präsentationsformen ganz unterschiedliche Zugänge zum Thema Breaking Point. Searching for Change. Ergänzt werden die thematisch kuratierten Ausstellungen durch
monographische Präsentationen renommierter Fotografen wie Anton Corbijn, Shirana Shahbazi oder Joan Fontcuberta. Darüber hinaus werden neben einer erstmals initiierten begleitenden [OFF] TRIENNALE wieder zahllose Galerien, fotografische Initiativen und neu zu entdeckende Ausstellungsorte das Programm erweitern. Im Mittelpunkt steht in der Eröffnungswoche der Triennale das Festivalzentrum rund um die Deichtorhallen Hamburg. Neben der [ENTER] Ausstellung, die die politischen, sozialen und ökologischen Fragestellungen der Triennale in den Mittelpunkt rückt, präsentieren sich hier zahlreiche weitere Hochschulen und Initiativen. Durch die einzigartige Kooperation aller Beteiligten wird die Triennale der Photographie – nun bereits zum siebten Mal – ab dem 7. Juni die Kulturszene Hamburgs verändern und die gesamte Stadt einmal mehr für mehrere Wochen zum Zentrum der Fotografie in Deutschland werden lassen.
Das Buch zur Triennale
Unter dem Motto Breaking Point. Searching for Change stellt das zur Triennale erscheinende Buch unterschiedlichste Projekte und Zugänge zu dem oben genannten komplexen Thema vor. Die begleitende Publikation präsentiert nun nicht nur die einzelnen Ausstellungen und Projekte, sondern verdeutlicht darüber hinaus auch das Konzept der Triennale und gibt Einblick in die Ideenvielfalt des Festivals. Die einzelnen Kapitel setzen sich mit unterschiedlichen Fragestellungen zu einem spannenden Kaleidoskop der Fotografie zusammen. Sichtbar wird, dass sich die Fotografie auch in schwierigeren und scheinbar unüberschaubar werdenden Zeiten, als ein wesentliches ästhetisches Ausdrucksmittel behauptet. Wie vielschichtig Breaking Points aussehen können, dokumentiert das vorliegende Buch, das auch über die Festivalzeit hinaus, die thematische und inhaltliche Vielfalt präsentieren kann. Das Buch erscheint bei Hartmann Books, Stuttgart und wird 352 Seiten mit 300 Abbildungen umfassen.





